Und dennoch kommt der Tag — Geschichte & Fakten
Das erste, was ins Auge fällt in Und doch kommt der Tag, ist der nach unten gerichtete Blick der Frau; ihr Profil ist in scharfen, grafischen Linien gezeichnet, wird jedoch durch den Wirbel von Blumen, der von ihren Armen fällt, gemildert. Ihre Pose ist statuär, fast eingefroren, als wäre sie in einem Moment der Reflexion oder Resignation gefangen. Der Hintergrund, ein stilisierter klassischer Portikus, der in Blöcken aus Ocker und Braun dargestellt ist, rahmt sie ein wie eine Erinnerung an verlorene Pracht.
Die Blumen, sowohl in ihrem Haar als auch seitlich herabfallend, scheinen sowohl Feier als auch Trauer zu signalisieren, ihre gezackten Konturen hallen die Spannung in ihrer Haltung wider. Jedes Detail, von den kantigen Schatten bis zu den zarten Ringen an ihren Fingern, zieht den Betrachter in eine Welt, die zwischen Drama und Stille schwebt – eine stille Erzählung, die darauf wartet, in ihrem Ausdruck gelesen zu werden. Dieses Plakat, das von Hans Rudi Erdt um 1918 geschaffen wurde, gehört zur goldenen Ära der deutschen Filmgrafik, als das Kino noch eine junge Kunst war und Plakate ihre kühnsten Herolde waren. Solche Werke wurden in Auftrag gegeben, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen und die Essenz eines Films in einem einzigen, unvergesslichen Bild zu destillieren.
Erdt, bekannt für seinen innovativen Ansatz in der Werbung, kanalisiert den Geist der Zeit, als die Kurven des Jugendstils auf die aufkommende Geometrie des Modernismus trafen. Heute im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg erhalten, ist dieses Stück ein seltener Überlebender aus einer Zeit, in der Plakate eher überklebt als aufbewahrt wurden, und seine Präsenz lädt uns ein, uns die verschwundenen Straßen und das Publikum vorzustellen, die einst ins Kino gerufen wurden. Die stille Haltung der Frau fordert uns weiterhin auf, uns zu fragen, welche Geschichte sich hinter ihren Augen verbirgt – eine Einladung, ein wenig länger zu verweilen.
















