Die Sünde des Lulatsch — Geschichte & Fakten
Ein einzelnes, hypnotisches Gesicht beherrscht die Szene, umrahmt von einer Welle orangefarbener Haare und einer Perlenkette, die zu schweben scheint auf einer leeren Bühne. Die Augen, schwerlidrig und von Schatten umrandet, treffen den Blick des Betrachters mit einer wissenden Kühle, während ein Schönheitsfleck die maskenartige Ruhe punctuiert. Doch es ist die Schlange—aufgerollt in smaragdgrün, mit gefletschten Zähnen und zuckender Zunge—die den Zauber bricht, sich von unten aufwindend, als wäre sie durch die bloße Präsenz der Frau heraufbeschworen worden.
Der Kontrast ist elektrisierend: Glamour und Gefahr, Unschuld und Versuchung, alles komprimiert in ein einziges, unvergessliches Bild. Das Design zieht den Blick des Betrachters in einem Kreis, vom Text oben zu den Lippen der Frau, dann hinunter zum weit geöffneten Maul der Schlange—eine endlose Schleife von Anziehung und Bedrohung. Um 1914 geschaffen, bewirbt dieses Plakat von Hans Rudi Erdt Die Sünde des Lulatsch, eine burleske Operette von Jean Gilbert, für die lebhafte Unterhaltungsszene Berlins. Solche Werke waren das Lebenselixier der städtischen Kultur des frühen 20.
Jahrhunderts, ihre Plakate nicht nur zur Information, sondern auch zur Verführung der Passanten ins Theater gestaltet. Erdt war eine führende Figur der Sachplakat-Bewegung, die Unordnung beseitigte, um einen kühnen, direkten Eindruck zu hinterlassen—hier dient jedes Detail dem Drama der Bühne und dem Nervenkitzel des Verbotenen. Der Stein lithograph wurde von Hollerbaum & Schmidt gedruckt, einer Firma, die für ihre Zusammenarbeit mit avantgardistischen Künstlern bekannt ist.
Die Geschichte hat nur wenige Spuren der Operette selbst hinterlassen, aber das Bild bleibt bestehen und fordert uns heraus, erneut auf das Gesicht—und die Schlange—der Versuchung zu schauen.
















